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Tretlager nachziehen ohne Spezialwerkzeug – So gelingt die Reparatur
Tretlager nachziehen ohne Spezialwerkzeug: Anleitung mit Werkzeug-Alternativen, Gewinderichtungen und Warnhinweisen für BSA-, Shimano- und Pressfit-Systeme.

Ein Tretlager nachziehen ohne Spezialwerkzeug ist machbar — aber nur, wenn man die Grenzen der Improvisation kennt. Wer unterwegs ein Knacken aus dem Innenlager hört oder spürt, wie die Kurbel seitliches Spiel hat, sollte nicht einfach weiterfahren. Ein lockeres Tretlager belastet die Kurbelaufnahme, reibt am Rahmen und kann im schlimmsten Fall den gesamten Tretlagerbereich beschädigen. Dieser Artikel erklärt, woran ein lockeres Innenlager zu erkennen ist, welche Improvisionswerkzeuge wirklich taugen, und wo die Methode definitiv endet.
Anzeichen für ein lockeres Tretlager: Wann Sie handeln müssen
Ein Tretlager arbeitet im Verborgenen — bis es anfängt, auf sich aufmerksam zu machen. Das typischste Symptom ist ein rhythmisches Knacken, das genau im Pedalrhythmus auftritt. Anders als ein Knacken aus der Kette oder den Pedalen selbst bleibt es konstant, unabhängig davon, ob man schaltet oder nicht. Es tritt meistens dann auf, wenn die Belastung steigt: beim Anfahren, im Wiegetritt oder an kurzen Steigungen.
Zweites Warnsignal: seitliches Spiel der Kurbel. Wer die Kurbel senkrecht zum Rahmen seitlich bewegt und dabei eine messbare Bewegung von mehr als 0,5 mm spürt, hat ein Problem. Eine gut eingestellte Kurbel mit intaktem Innenlager lässt sich praktisch nicht lateral bewegen. Auch ein Schaben oder Rumpeln, das beim Pedalieren durchkommt, deutet auf ein Lager hin, das axiales Spiel entwickelt hat oder dessen Vorspannung verloren gegangen ist.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen dem Innenlager als Lagereinheit (Kugellager plus Gehäuse) und der Lagerschale, die in den Rahmen eingedreht ist. Knacken und Spiel können in beiden entstehen. Beim Nachziehen geht es in der Regel darum, die Lagerschale im Rahmen zu fixieren — das eigentliche Wälzlager lässt sich nicht durch Nachziehen reparieren, wenn es verschlissen ist.
Die Herausforderung: Warum Spezialwerkzeug eigentlich Standard ist
Ein gängiges BSA-Tretlager (British Standard — 68 mm Breite, M34×24 TPI) sitzt mit präzise aufeinander abgestimmten Gewindeflächen im Rahmen. Zum Lösen und Festziehen braucht man einen Innenlager-Schlüssel mit Außenverzahnung, der in die Nuten der Lagerschale greift — bei Shimano-Patronenlagern typischerweise ein Werkzeug mit 20 Zähnen (z. B. Shimano TL-UN74 oder kompatible Varianten von Park Tool).
Der Grund: Die Kontaktfläche zwischen Werkzeug und Schale ist bewusst auf viele kleine Zähne verteilt, um den aufzubringenden Drehmoment — üblicherweise 35–50 Nm für eine BSA-Schale — über die gesamte Werkzeugfläche zu verteilen. Ein behelfsmäßiger Eingriff mit einer Wasserpumpenzange oder einem Flachschraubendreher konzentriert denselben Drehmoment auf zwei bis drei Kontaktpunkte. Das Ergebnis ist fast immer eine beschädigte Lagerschale.
Das bedeutet nicht, dass Improvisation ausgeschlossen ist. Es bedeutet, dass man die Schäden kontrollieren und minimieren muss — und wissen sollte, ab wann man lieber stoppt und ein richtiges Werkzeug besorgt. Ein Innenlager-Schlüssel kostet als Billigvariante zwischen 4 und 8 Euro; ein Park Tool BBT-9 liegt bei ca. 18 Euro. Für alle, die regelmäßig selbst schrauben, ist das eine einmalige Investition, die sich nach dem ersten Einsatz amortisiert.
Für den echten Notfall — unterwegs, ohne Laden in Reichweite — gilt jedoch: Das Nachziehen mit Behelfsmitteln ist besser als Weiterfahren mit einem losen Innenlager, das den Rahmen beschädigt.
Werkzeug-Alternativen: Mit Haushaltsmitteln improvisieren
Wasserpumpenzange mit Schutzlage
Die Wasserpumpenzange (Länge mindestens 250 mm, besser 300 mm) ist das brauchbarste Notfallwerkzeug. Ihre verstellbaren Backen greifen breit genug, um an den Außenflächen einer Innenlager-Schale anzusetzen. Entscheidend ist die Schutzlage: Legen Sie zwischen Zangenbacken und Lagerschale immer einen Lappen aus dichtem Stoff oder ein Stück Fahrradschlauch. Ohne Schutz schlägt die Zange direkt in das Aluminium oder die Stahl-Außenfläche der Schale und hinterlässt Riefen, die beim nächsten Werkzeugwechsel als Angriffspunkte für Korrosion dienen.
Vorgehen: Zange so ausrichten, dass die Backen parallel zur Schale greifen. Kraft gleichmäßig aufbringen — kein ruckhaftes Reißen, sondern ein kontinuierlicher Drehmoment. Wenn die Schale sich nicht bewegt, stoppen Sie: Entweder sitzt sie bereits fest (was das Ziel ist), oder sie sitzt so fest, dass mehr Kraft nötig ist, als die Zange sicher aufbringen kann, ohne abzurutschen.
Schraubendreher-Methode: Nur als allerletzter Ausweg
Manche Lagerschalen haben Schlitze oder Aussparungen, in die ein breiter Flachschraubendreher passt. Diese Methode ist risikobehaftet, weil der Hebelpunkt extrem klein ist und der Schraubendreher bei unkontrollierter Kraft abrutscht — mit dem Risiko, Finger, Rahmen oder Schale zu beschädigen. Sinnvoll ist sie allenfalls zum finalen Anziehen der letzten Grad, wenn die Schale schon fast sitzt.
Münzen und Improvisation: Nein
Immer wieder kursieren Anleitungen, die empfehlen, zwei Münzen in die Nuten einer Innenlager-Schale zu stecken. Das funktioniert nicht. Die Nuten sind für ein Vielfachnuten-Werkzeug konzipiert; eine Münze deckt bestenfalls eine Nut ab und bricht oder verbiegt sich sofort, wenn Drehmoment aufgebracht wird. Finger- und Handverletzungen durch abrutschendes Behelfswerkzeug sind dokumentiert.
Schritt-für-Schritt: Tretlager festziehen ohne Abzieher
Vorbereitung
Kurbeln entfernen. Bei Vierkant-Systemen: Kurbelbolzen mit einem 14er oder 15er Steckschlüssel herausdrehen (12–15 Nm), dann den Kurbelabzieher einschrauben. Ohne Kurbelabzieher: Kurbelbolzen herausdrehen, Unterlegscheibe entfernen, das Fahrrad auf die Seite legen und die Kurbel mit einem Gummihammer gleichmäßig von der Achse treiben. Das funktioniert nur bei alten Vierkant-Wellen, die noch nicht festgefressen sind — und auch dann nur bei mäßigem Kraftaufwand. Wenn die Kurbel klemmt, ist das Treiben ohne Abzieher keine Option: Sie riskieren, den Kurbelarm zu beschädigen. Bei Shimano Hollowtech II: Die Kurbel ist mit einem Abschlussbolzen gesichert (8 mm Innensechskant, ca. 12–14 Nm), dann lässt sich der linke Kurbelarm durch Lösen der zwei Klemmschrauben (5 mm Innensechskant, 12–14 Nm) abnehmen.
Gewinde reinigen. Rahmengewinde und Lagerschalengewinde mit einem Lappen von altem Fett und Schmutz befreien. Korrodierte Gewinde lassen sich nicht zuverlässig nachziehen.
Gewinderichtung prüfen. Das ist der kritischste Punkt: Die rechte Lagerschale (Kettenseite) hat Linksgewinde — sie wird also entgegen dem Uhrzeigersinn festgezogen (im Fahrbetrieb zieht sich die Schale durch die Pedalrotation selbst nach). Die linke Lagerschale hat Rechtsgewinde und wird im Uhrzeigersinn festgezogen. Tretlager-Ausbauurichtung entsprechend umgekehrt: rechts zum Lösen im Uhrzeigersinn drehen, links gegen den Uhrzeigersinn.
BSA-Gewinde: M34 × 24 TPI — Anzugsmoment: 35–50 Nm Italienisches Gewinde: M36 × 24 TPI — beide Schalen mit Rechtsgewinde
Nachziehen
Mit der Wasserpumpenzange (Schutzlage eingelegt) an der lockeren Schale ansetzen. Gleichmäßigen Drehmoment in der richtigen Richtung aufbringen. Wenn die Schale nach einem Viertel- bis Halbumdrehen aufhört, sich zu bewegen, und das seitliche Spiel der Kurbel verschwunden ist, ist das Ziel erreicht.
Sichtkontrolle: Die Schale muss bündig mit der Rahmenmuffe sitzen und darf keinen sichtbaren Spalt zeigen. Prüfen Sie nach dem Festziehen erneut auf seitliches Kurbel-Spiel, indem Sie die Kurbel wieder montieren und lateral belasten.
Kurbeln montieren, Anzugsmoment kontrollieren. Beim Vierkant-System: Kurbelbolzen mit Fett einschrauben, 40 Nm anziehen (Richtwert; je nach Hersteller 35–50 Nm). Hollowtech II: Kurbelabschlussbolzen und Klemmschrauben auf die oben genannten Werte anziehen.
Besonderheiten bei Shimano und Pressfit-Systemen
Shimano-Patronenlager (Hollowtech II und UN-Serie)
Shimano-Tretlager der UN-Serie (z. B. UN55, UN300) sind patronenförmige Einheiten aus Stahl-Außenschalen mit dem beschriebenen 20-Zahn-Werkzeugprofil. Diese Schalen lassen sich mit einer Wasserpumpenzange und Schutzlage notfalls nachziehen, weil die Stahl-Außenfläche robust genug ist, um leichte Kratzer zu überstehen, ohne sofort zu korrodieren oder die Funktion zu verlieren.
Shimano-Hollowtech-II-Lager (für Kurbeln ab Shimano Alivio aufwärts) haben meistens kein nachziehbares Außengewinde im klassischen Sinne mehr: Das Lager sitzt als kompakte Einheit in der Schale; die Vorspannung wird über die linke Plastikkappe und die Klemmschrauben des linken Kurbelarms reguliert. Wenn also ein Hollowtech-II-System Spiel zeigt, liegt das Problem meistens nicht an einer losen Lagerschale im Rahmen, sondern an der nicht korrekten Vorspannung des Lagers: Die linke Abschlusskappe muss zuerst mit der Hand angezogen werden (leichter Widerstand), bevor die zwei Klemmschrauben auf je 12–14 Nm festgezogen werden.
Pressfit-Systeme
Pressfit-Lager (PF30, BB86, BB92) haben kein Gewinde — die Lagerschalen werden in den Rahmen eingepresst und sitzen durch Reibschluss. Sie können per Definition nicht “nachgezogen” werden. Ein Pressfit-Lager, das sich gelöst hat und Geräusche macht, muss entweder mit der passenden Press- und Ausziehwerkzeugkombination (Park Tool BBP-3 oder ähnlich) wieder eingedrückt oder ersetzt werden. Jede andere Methode beschädigt entweder die Lagerschalen oder den Rahmen-Innendurchmesser.
Wer ein Shimano-Tretlager der klassischen Vierkant-Patronenserie wie UN55 oder UN300 verbaut hat und das Lager wechseln muss, findet alle Werkzeuge und Drehmomentwerte in den Shimano-Dealer-Manuals (kostenlos auf si.shimano.com abrufbar). Der Wechsel eines solchen Patronenlagers dauert am Montageständer mit richtigem Werkzeug rund 15 Minuten; ohne Spezialwerkzeug in Notfallsituationen entsprechend länger — aber er ist machbar, wenn die oben genannten Schritte befolgt werden und das Gewinde nicht festgefressen ist.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Wie ziehe ich ein Tretlager ohne Spezialwerkzeug nach?
- Mit einer Wasserpumpenzange (mind. 250 mm) und einer Schutzlage aus Stoff oder Fahrradschlauch lässt sich eine BSA-Lagerschale notfalls nachziehen. Wichtig: Gewinderichtung beachten (rechte Schale = Linksgewinde), gleichmäßigen Drehmoment aufbringen und die Schale nicht durch ruckhaftes Reißen beschädigen.
- Welche Alternativen gibt es zum Kurbelabzieher?
- Bei Vierkant-Systemen kann ein locker sitzender Kurbelarm bei alten, nicht festgefressenen Wellen durch Ablegen des Fahrrads und gleichmäßiges Treiben mit einem Gummihammer gelöst werden. Bei Shimano Hollowtech II wird der Kurbelarm durch Lösen der zwei Klemmschrauben (5 mm Innensechskant) ohne Abzieher abgenommen. Ein echter Kurbelabzieher-Ersatz ohne Spezialwerkzeug ist technisch nicht empfehlenswert.
- In welche Richtung wird das Tretlager festgezogen?
- Bei BSA-Gewinde (Standard): Die rechte Lagerschale (Kettenseite) hat Linksgewinde und wird entgegen dem Uhrzeigersinn festgezogen. Die linke Schale hat Rechtsgewinde und wird im Uhrzeigersinn festgezogen. Bei italienischem Gewinde (M36 × 24 TPI) haben beide Schalen Rechtsgewinde.
- Kann man ein Pressfit-Lager ohne Presse nachziehen?
- Nein. Pressfit-Lager (PF30, BB86, BB92) haben kein Gewinde und sitzen ausschließlich durch Reibschluss im Rahmen. Ein gelockertes Pressfit-Lager muss mit Spezialwerkzeug (Press- und Ausziehwerkzeug) wieder eingedrückt oder ersetzt werden. Improvisation beschädigt hier zuverlässig Rahmen oder Lagerschalen.
- Welche Risiken bestehen beim Nachziehen ohne passendes Werkzeug?
- Das größte Risiko ist das Abrutschen der Zange, das Riefen oder Kerben in die Lagerschale schlägt und langfristig Korrosion fördert. Außerdem kann bei falscher Drehrichtung das Gewinde beschädigt werden. Bei Shimano-Hollowtech-II-Systemen besteht zusätzlich die Gefahr, die Plastik-Vorspannkappe zu überdrehen und zu beschädigen.